Bernina Ultraks: Berglauf der Extraklasse

Gleich zweimal bekam ich bei den Bernina Ultraks eine Medaille umgehängt, was ziemlich cool ist und nur wenige Starterinnen und Starter geschafft haben. Aber der Reihe nach…

Irgendwann im Laufe des Jahres 2020 habe ich von den Bernina Ultraks gehört, mir den Lauf näher angesehen und ich war schnell begeistert. Mich faszinierten die Strecken und auch der Austragungsort Pontresina im Engadin. 2019 lag der Ort bereits an der Strecke des SwissAlpine, bei dem ich gestartet bin. Ich fand die Region damals schon sehr schön und überlegte nicht lange mit der Anmeldung. Es sollten gleich zwei Läufe werden:

  • Der GoVertical zum Einstieg, bei dem auf einer Strecke von 6,8 km etwa 1.400 Höhenmeter zu überwinden sind und das Ziel auf dem 3.261 Meter hohen Piz Languard liegt
  • Als Hauptlauf der Bernina Glacier Marathon mit 2.600 Höhenmeter und Gletscherquerung

Ich buchte ein Hotel und machte mir erst mal weiter keine Gedanken. Wir steckten mitten in der Coronapandemie und es war nicht absehbar, ob der Lauf wie geplant stattfinden oder zu einem späteren Zeitpunkt durchgeführt wird. Im Frühjahr zeichnete sich ab, dass die Chancen für die Bernina Ultraks sehr gut stehen. Also buchte ich auch noch die Zugfahrt in die Schweiz.

Das Laufwochenende rückt näher…

Im Frühjahr waren die Coronazahlen wieder sehr hoch, aber auch die Impfungen liefen verstärkt an. Ich hatte im April meinen ersten Termin und für Mitte Juni war der zweite Impftermin angesetzt. Dies gab mir ein gutes Gefühl und ich wusste, dass ich ziemlich sicher am ersten Juli in die Schweiz fahren kann. Aber dennoch gab es viele offene Fragen im Zusammenhang mit Corona und Reisen ins Ausland zu klären.

Mein Training war schon auf den Lauf ausgerichtet und ich baute immer wieder Steigungen ein. Ich versuchte, möglichst viele Höhenmeter zu sammeln, was in Bamberg allerdings nicht so einfach ist. Deshalb lief ich im Vorfeld einen 5-Burgen-Marathon in den Haßbergen oder nach Bad Staffelstein. Bei beiden Läufen kamen so jeweils etwa 1.000 Hm zusammen. Na ja, immer noch weit von den Höhenmetern im Engadin entfernt…

Ankunft in Pontresina

Donnerstagmorgen, kurz nach 8 Uhr stieg ich in Bamberg in den Zug Richtung Augsburg. Es regnete und regnete, was bis Lindau nicht besser werden sollte… Für die Stimmung war das natürlich nicht besonders, aber ich hatte die Hoffnung, dass sich zumindest am Freitag die Sonne zeigen würde und ich die Aussicht genießen könne. Bis Pontresina erwartete mich eine über 9-stündige Zugfahrt mit 5x Umsteigen: in Augsburg, Lindau, Feldkirch, Buchs und Chur. Dumm nur, dass der Zug in Feldkirch ausfiel und durch einen Schienenersatzverkehr ersetzt wurde. Dies bedeutete eine Stunde länger unterwegs sein und erst um kurz vor 18 Uhr ankommen. Besonders eindrucksvoll ist natürlich die Fahrt auf der Welterbestrecke des Bernina Express mit den vielen Kehren, Tunneln und Viadukten.
Abends wurde das Wetter besser und ich machte mich auf, den Ort und die Umgebung bei einer kleinen Runde zu erkunden.

Pontresina im Sonnenuntergang

Freitag – der erste Renntag

Die Startnummernausgabe öffnete um 15 Uhr und der Start des GoVertical war um 17 Uhr. Aber was bis dahin machen? Raus und die Umgebung erkunden… Ich hatte im Vorfeld ein Mountainbike über das Hotel reserviert und wollte zum Diavolezza fahren, um mir ein Bild von der Marathonstrecke zu machen. Von Pontresina führte ein gut fahrbarer Weg durch das Tal der Ova da Bernina, der nur wenige anstrengendere Steigungen enthielt. Es war ein perfekter Einstieg in das Wochenende in den Schweizer Bergen.

Entlang der Route durch den Wald passierte ich den Start des Wanderweges zum Morteratsch-Gletscher und einen sehr eindrucksvollen Wasserfall. Es ist ein wahres Schauspiel, den tief im Felsen eingeschnittenen Fluss zu sehen. Dies war auch der anstrengendste Teil der Strecke, bevor sich das Tal öffnete und es entlang von Wiesen zum Diavolezza ging. Dort angekommen fuhr ich mit der Seilbahn zur Bergstation auf 2.976 Meter. Während der Fahrt erkannte ich bereits die Streckenmarkierung und es verließ eine schwierige Passage zu werden. Oben angekommen war es einfach gigantisch! Die umliegenden Berge zum Greifen nah, gegenüber der 4.091 Meter hohe Piz Bernina und davor der Gletscher. Ich machte mich auf den Weg zum 3.207 Meter hohen Munt Pers, da die Aussicht von dort noch besser sein sollte. Unterwegs habe ich aber umgedreht und den Rückweg angetreten, da die Zeit eng wurde. Ich hatte ja noch einiges vor…

Welch ein Ausblick!

Wieder zurück in Pontresina konnte ich mich noch kurz ausruhen und meine Laufsachen zurechtlegen, bevor es zur Startnummernausgabe ging. Dort traf ich Toni, mit dem ich bereits im Vorfeld Kontakt hatte. Er wollte genau wie ich bei beiden Läufen starten. Die Unterlagen waren schnell geholt und wir hatten noch Zeit für ein Kaltgetränk in einem Straßencafé. Danach ging es nochmal ins Hotel zu den letzten Vorbereitungen, bevor um 17 Uhr der Start erfolgte. Coronabedingt in mehreren Startwellen, mit Maske und Abständen.

Der GoVertical

17 Uhr – der Start des GoVertical erfolgt Corona bedingt in mehreren Startwellen, mit Maske und Abstand. Nach dem Start bleibt nicht viel Zeit, bevor es bergauf geht. Wir laufen zur Talstation des Skilift Languard, weiter zum Panoramaweg über Pontresina und erreichen beim Burgturm Spaniola den Wald. Auf einem gut laufbaren Waldweg geht es zu einer Abzweigung, von der aus es in Zick-Zack bergauf geht. Nach einem Abschnitt mit Treppenstufen können wir in einer Kehre den Ausblick als Vorfreude genießen. Es geht immer weiter bergauf über Wurzeln und die Stöcke sind eine gute Unterstützung. Es ist warm und ich denke, es war vielleicht doch keine gute Idee mit einem langärmligen Shirt zu starten. Wieder am Waldrand angekommen öffnet die Landschaft und die Bergwelt zeigt sich. Die Kühe grasen auf den Almwiesen und ein schmaler Pfad führt uns nach oben. Wir halten uns links und erreichen bei knapp über 2.300 Meter die Bergstation der Seilbahn an der Alp Languard. Nach einer kurzen Pause an der Versorgungsstation geht es weiter, das Ziel ist mit 2 3/4 Stunden angeschrieben und ich frage mich, wie lange ich wohl brauchen werde… Es wird zunehmend felsiger und windiger, so dass ich um mein langärmliges Shirt doch froh bin. Unsere Strecke führt uns immer weiter hoch, wir nähern uns der 3.000er Marke und sehen die ersten Schneefelder. Der Weg wird zunehmend steiler und anstrengender, da auch die Luft in der Höhe dünner wird. Kurz unterhalb des Gipfels erreichen wir auf 3.180 Meter die Georgy´s Hütte, an der es später die Zielverpflegung gibt. Noch müssen wir aber auf den Gipfel und der Anstieg hat es in sich! Immer wieder kommen mir Finisher entgegen, die bereits, die es bereits geschafft haben. Der Weg passiert ein Schneefeld und wird nochmals schmaler. Es folgen Kletterpassagen, die mit Seil gesichert sind. An verschiedenen Stellen suche ich den besten Weg nach oben und dann ist es geschafft! Ich habe nach 2:06 Std. das Ziel auf dem 3.261 Meter hohen Piz Languard erreicht und bekomme eine Medaille umgehängt. Überglücklich bin ich, hole erst mal tief Luft und genieße das 360 Grad Panorama.

Weitere Bilder vom Lauf gibt es auf meiner Facebook-Seite

Hier oben war es ziemlich windig und uns stand noch der Rückweg bevor… Wir mussten auch wieder ins Tal nach Pontresina laufen, was nach 1.400 Meter Anstieg 1.400 Meter Abstieg bedeutete. Ich machte mich mit zwei Läuferinnen aus dem Chiemgau an den Abstieg zur Zielverpflegung. Entlang des letzten Streckenabschnitts kamen uns noch die letzten Läuferinnen und Läufer entgegen. Ich spürte schon, dass meine Beine schwer sind, und machte mir vor dem Abstieg etwas sorgen. In einem leichten Trab liefen wir als 3er-Gruppe bergab, was ganz gut klappte und für die Beine erträglich war. Leider bekam ich trotzdem zweimal einen Krampf in den Oberschenkeln. Nach kurzen Massagen ging es weiter dem Sonnenuntergang entgegen. Wir erreichten wieder den Wald und es war gut, dass Pontresina immer näherkam. Nach etwas mehr als einer Stunde hatten wir es geschafft und den Ort erreicht. Wünschenswert wäre, wenn der letzte Streckenabschnitt mit dem Sessellift zurückgelegt werden kann.

Bei mir kamen inzwischen immer mehr Zweifel auf, ob der Marathon am nächsten Tag sinnvoll sein. Ich machte mir Sorgen, ob ich die beiden großen Anstiege und vor allem die danach folgenden Abstiege schaffen würde. Zur Sicherheit erkundigte ich mich nach der Möglichkeit, den Lauf umzubuchen. Dies war möglich, auch kurz vor dem Start und ich wollte abwarten, wie sich die Beine am nächsten Morgen anfühlten.

Samstag – Corvatsch Trail

Es war eine unruhige Nacht, in der ich schlecht schlief. Morgens waren die Zweifel immer noch da und ich überlegte hin und her. Soll ich beim Marathon starten oder doch auf den Corvatsch Trail umbuchen? Kurz vor dem Start des Marathons fiel dann die Entscheidung: Umbuchen. Ohne Probleme konnte ich meine blaue Startnummer gegen eine rote eintauschen. Es war eine Vernunftentscheidung, über die ich sehr froh war. Meine neue Strecke war nur 30 km lang mit 1.700 Hm.

Wir hatten bestes Wetter und ich freute mich auf den Start. Es war die richtige Entscheidung! Nach dem Start führte uns die Strecke erst mal ein paar Kilometer flach durch das Tal der Roseg. Der Weg führte durch den Wald, die Luft war angenehm kühl und der Forstweg gut laufbar. In einem angenehmen Tempo ging es flussaufwärts, bis wir etwa nach 7 km den Wald verließen und auf das Hotel Roseg zuliefen, wo die erste Versorgungsstation aufgebaut war. Der Standort war gut gewählt, denn nun begann der Anstieg von 2.000 Meter hinauf zur 2.753 Meter hohen Fuorca Surlej, dem höchsten Punkt der Strecke.

Der Anstieg zur Fuorca Surlej

Es sollte ein sehr sonniger Anstieg werden, der viel Kraft kostete. Anfangs ging es in einem Zick-Zack durch kleinere Waldstücke hoch, bevor die Strecke quer am Hang entlang verlief. Es war ein schmaler Trail mit vielen Felsen und entsprechend kleineren und größeren Stufen. Der Blick war immer auf die Berge und Gletscher am Ende des Tals gerichtet. Besonders war dieser an der Alp Surovel, wo ich mir dachte, an der Hütte sitzen, ein Weizen trinken und die Aussicht genießen. Nur ein Traum, es ging weiter bergauf… Am Wegrand wehte eine Fahne mit der 10km-Markierung, es wurde zunehmend felsiger und wir passierten die ersten Schneefelder. Nun war es nicht mehr weit, bis der höchste Punkt an der Hütte erreicht war. Dort lag noch mehr Schnee und vom See zeigte sich nur ein kleiner Teil. Auf der anderen Seite konnte ich wieder Kraft tanken und es laufen lassen – die Landschaft änderte sich und es ging auf einem breiteren Weg relativ flach zur Murtel Mittelstation. Hier merkt man plötzlich, dass wir nahe einer Liftstation sind, es sind viel mehr Menschen unterwegs.

Murtel Mittelstation und Ausblick auf die Seen

Nach 13 km erreichen wir auf 2.687 Meter die Murtel Mittelstation und damit die zweite Versorgungsstation. Hier ist die Pause etwas länger und ich genieße das frische Obst. Wir laufen um die Mittelstation und bekommen die ersten Blicke auf den Silvaplanersee. Nun wird der Rückweg eingeläutet, es geht etwas bergab und Mist! Verlaufen! Irgendwo habe ich die Markierung und Abzweigung übersehen. Ich bin nicht alleine, auch zwei andere Läuferinnen ergeht es wie mir. Wir stehen unter der Seilbahn und suchen den richtigen Weg. Nach ein paar Minuten aufs Handy blicken hatten wir eine Idee, wo der Weg sein könnte. Wir hatten Glück und erreichten wieder die Route, hatten aber knapp 2 km Umweg.

Bildquelle: Sportograf.com

In einem Auf-und-Ab ging es auf einem schönen Wegabschnitt hoch über dem Tal Richtung St. Moritz, dabei immer die Seen im Blick. Beim Abstieg zum Hahnensee passieren wir ein Steinfeld, in dem absolute Konzentration gefragt ist, das aber viel Spaß beim Laufen macht. Nun wird es immer grüner und der Hahnensee ist ein wahres Kleinod am Hang. Eigentlich ideal für eine Pause… aber das Ziel ist noch weit. Quer zum Berg führt der Weg weiter nach St. Moritz Bad, wo die nächste Versorgungsstation wartet.

Von St. Moritz nach Pontresina

21,5 km sind inzwischen gelaufen und wir sind auf 1.778 Meter, was bedeutet, dass wir von der Mittelstation etwa 900 Höhenmeter bergab gelaufen sind. Der Zielort Pontresina ist bereits angeschrieben und es erwarten uns noch knapp 10 km mit etwa 500 Höhenmeter.

Auf einem schmalen Trail durch den Wald steigt der Weg wieder an, mündet auf einen Forstweg und verlässt diesen wieder. Der Wald lichtet sich wieder und gibt nochmals einen Blick auf St. Moritz und den See frei. Das Laufen fällt inzwischen schwer, aber durch die schöne Landschaft macht es total Spaß. Nach ein paar Kurven öffnet sich das Tal und gibt den Blick Richtung Samedan und etwas später auf Pontresina frei. Aber sind noch etwa 5 km zu laufen und wir müssen noch einige Höhenmeter bergab.

Der Abstieg nach Pontresina wird nochmals anstrengend, aber auch genial! Es folgt ein Downhill auf einem schmalen Pfad mit Wurzeln und vielen Stufen. Ich nehme nochmal alle Kraft zusammen und lasse es laufen und macht einfach nur Spaß! Entlang des Weges wird mir von Wanderern Wasser angeboten, was ich total nett finde. Ich lehne aber dankend ab, da ich noch Wasser bei mir habe. Unten angekommen führt die Strecke um den Bahnhof und unterquert die Gleise, bevor es wieder an die Roseg geht. Gleich ist es geschafft… Ich bin so froh! Noch ein kurzer Abschnitt auf einem Wiesenweg und dann wird die Straße erreicht. Es geht dem Ziel entgegen, nur noch ein paar Hundert Meter. Auf der Via Maistra sind viele Menschen unterwegs und das Ziel ist in Sichtweite. Alle Kräfte mobilisieren und Gas geben… ich bin im Ziel! Wow! Nach 6:35 Std. habe ich den Corvatsch Trail beendet.

Weitere Bilder vom Lauf gibt es auf meiner Facebook-Seite

Ich war so froh, dass ich es geschafft habe und stellte wieder fest, die Umbuchung war die richtige Entscheidung. Nun hieß es, die verbrauchten Kalorien wieder auffüllen. Im Ziel gab es Getränke und anschließend bei der Startnummernausgabe Nudeln. Schön langsam kamen die Kräfte zurück und ich machte mich auf den Weg zum Hotel. Ich freute mich schon auf eine heiße Dusche und den Wellnessbereich. Auf dem Weg dorthin traf ich Toni, der beim Marathon wegen des Regens in den Bergen aus dem Rennen genommen wurde. Sehr schade!

Der Wellnessbereich mit Sauna, Dampfbad und Whirlpool war genau das Richtige nach dem Lauf. Nur noch besser war das Essen im Anschluss… Am Sonntag hieß es wieder Koffer packen und zurückfahren. Ich machte noch einen kurzen Stopp in St. Moritz am See und danach ging es in über 10 Stunden nach Bamberg.

Es war ein super Wochenende in den Schweizer Bergen mit großartigen Läufen vor einer atemberaubenden Kulisse. Ich kann den Lauf nur empfehlen und werde sicher auch noch beim Bernina Glacier Marathon starten – aber dann ohne den GoVertical am Tag zuvor…

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