Lavaredo Ultratrail

80 km von St. Vigil nach Cortina mit 4600 Höhenmeter sind die Eckdaten des Lavaredo Utra Dolomites. Viele lange Anstiege, Singletrails und technisch anspruchsvolle Pfade. Das Ganze in einer traumhaft schönen Landschaft! Fertig ist ein einzigartiges Rennen.

Das Wochenende in den Dolomiten begann am Donnerstag mit der längeren Anreise. Morgens ging es mit dem Zug nach Nürnberg, wo ich zu einem Kumpel ins Auto stieg und wir über München, Innsbruck und dem Brenner nach Italien fuhren – leider mit einer defekten Klimaanlage. Gemeinsam hatten wir einen Startplatz bekommen und wollten ein paar Tage in den Bergen verbringen. Unser erstes Ziel war Sexten, von wo aus wir zu einer Wanderung zu den Drei Zinnen aufbrechen wollten. Nachdem die Laufstrecke dieses Jahr anders verlief als das Jahr zuvor, führte diese nicht am Wahrzeichen der Dolomiten vorbei, wollte diese aber trotzdem sehen. Wir starteten bei schönem und sonnigen Wetter, wobei bald die ersten Wolken aufzogen. Auf unserem etwa 6 km langen Weg stiegen wir etwa 1.000 Höhenmeter auf, was ein gutes Training für Samstag war. Fast oben angekommen tauchte plötzlich die Drei Zinnen Hütte auf, aber von den berühmten Bergen keine Spur. Auch als wir an der Hütte standen, nichts. Die Berge waren in Wolken verhüllt und manchmal zeigte sich der untere Bereich, aber ganz bekamen wir sie nicht zu sehen. Sehr schade! Es wurde dunkler, die Wolken bedrohlicher, so dass wir nach einem Abstecher zum Sextner Stein beschlossen, wieder ins Tal zu wandern und zu unserer Ferienwohnung nach St. Vigil zu fahren.

Der Tag vor dem Lauf

Der Freitag sollte ein entspannter Tag werden, um die Kräfte für das Rennen zu sparen. Zudem mussten wir die Startunterlagen in Cortina abholen. Nach dem Frühstück machten wir uns auf dem Weg und wir fuhren über den 2168 Meter hohen Valparola Pass und die Große Dolomitenstraße, wo wir immer wieder Stopps einlegten. Einer davon war am Rifugio Col Gallina, wo auf die Läufer*innen des 48 km langen Cortina Trail eine Versorgungsstation wartete. Auch wir konnten uns am nächsten Tag dort stärken.

In Cortina steuerten wir als erstes die Eishalle an, um die Unterlagen abzuholen. Mittags war es entspannt und wir konnten uns einige Anregungen für Läufe in Italien oder Slowenien holen. Anschließend liefen wir etwas durch den Ort und schauten uns den Zieleinlauf der Läufer*innen an, die nach etwas weniger als 6 Stunden ins Ziel liefen.

Auf der Rückfahrt nach St. Vigil hatten wir doch noch Glück! Nahe dem Dürrensee zeigten sich die Drei Zinnen! Aus dem Tal hatten wir einen schönen Blick auf die senkrecht hochragenden Berge. Herrlich!

Abends gab es noch Pizza und die Startunterlagen wurden vorbereitet. Klamotten, Gels, Pflichtausrüstung – alles in der Laufweste verstauen und hoffen, dass die Regenjacke nicht benötigt wird. Aber die Aussichten für Samstag waren sehr gut, so dass nichts passieren dürfte.

Es geht los

Frühmorgens läutet der Wecker, es ist noch dunkel. Nach einer unruhigen Nacht ein kurzes Frühstück. Wir machen uns fertig und gehen zum Start. Von unserer Ferienwohnung aus sind es nur etwa 300 Meter, die Berge sind noch in den Wolken versteckt. Um 6.30 Uhr fällt dann der Startschuss und die Läufer*innen setzten sich in Bewegung. Auf der Straße verlassen wir St. Vigil und schwenken auf einen Forstweg ein. Nach wenigen Kilometern wird die Strecke enger und der erste große Anstieg beginnt. Beim Anstieg zu den Ciastlins-Wasserfällen bahnt sich eine lange Schlange den Weg nach oben. Die Sonne vertreibt immer mehr die Wolken, so dass sich die Berge zeigen. Auf der Strecke bleibt es eng, sehr eng und einige überholen an den unmöglichsten Stellen, um dann vor der nächsten Person wieder in der Schlange zu sein. Nach einer gefühlten Ewigkeit wird es flach und das 2284 Meter hohe Grünwaldjoch zeigt sich in der Sonne. Nach dieser kurzen Verschnaufpause geht es weiter bergauf. Aber bald ist es geschafft! Kurze Pause und Aussicht genießen… Am Grünwaldjoch ist der erste lange Anstieg mit etwa 1000 Hm geschafft. Bis zum Kreuzjoch bleiben wir nun auf über 2200 Meter, bevor es anschließend wieder bergab geht.

An der Grünwaldalm bei km 17 wartet die erste Versorgungsstation auf uns. Inzwischen bin ich 2:31 Stunden unterwegs.

Pragser Wildsee und der nächste große Anstieg

Nach dieser ersten Stärkung geht es entspannt weiter zum Pragser Wildsee. Was soll ich sagen, der See ist einfach ein Traum! Eingerahmt von Bergen liegt der smaragdgrüne See da und wir laufen direkt am Ufer entlang. Die Verschnaufpause hielt nicht lange und bereits 2 km nach der Versorgungsstation begann der nächste große Anstieg mit etwa 900 Höhenmetern.

Zwischen Seekofel und Großer Jaufen führt uns die Route auf einem Schotterweg entlang. Ich bin froh um meine Stöcke, die das Bergaufgehen um einiges erleichtern. Umso erstaunter bin ich, immer wieder Läufer*innen zu sehen, die ohne Stöcke unterwegs sind. Trotz der Anstrengungen ist es einfach faszinierend, durch die traumhaft schöne Landschaft zu laufen!

Je höher wir steigen, desto felsiger uns Anstrengender wird es. Immer wieder wird zwischendurch eine kurze Pause eingelegt, mein Kumpel hat Probleme mit Krämpfen. Bei mir geht es noch ganz gut. Schön langsam zeichnete sich ab, dass es nicht mehr lange bergauf gehen würde und bald war auch dieser lange Anstieg geschafft. Nach überqueren des 2388 Meter hohen Forella Sora Forno öffnet sich der Blick und es ist einfach nur gigantisch! Zu unserer Linken liegt die Seekofelhütte, rechts der 2810 Meter hohe Seekofel. Nach einem kurzen Fotostopp geht es weiter…

Auf einem gut laufbaren Weg mit nur wenigen Anstiegen geht es zur nächsten Versorgung an der Sennes Hütte auf 2126 Meter, an der es nur Wasser aus einem Brunnen gibt. Wir laufen ebenerdig über eine Wiese – perfekt um etwas zu entspannen. Anschließend führt die Strecke wieder bergab, vorbei an einem großartigen Panorama. Bei km 36 erreichen wir die Versorgungsstation Malga Ra Stua auf 1668 Meter. 6:13 Stunden sind inzwischen seit dem Start vergangen.

Durch das Tal Travenanzes

Frisch gestärkt liefen wir für die nächsten Kilometer weiter bergab bis auf etwa 1400 Meter. Anfangs waren die Wege leichter zu laufen und der Wald spendete uns Schatten, was in der Mittagshitze sehr angenehm war. Bevor wir uns dem langen Tal Travenanzes näherten passierten wir die tief eingeschnittene Schlucht Cascate di Fanes. Es war sehr eindrucksvoll, in der Tiefe den Gebirgsbach zu sehen.

Auf dem Weg ins Tal führte die Laufstrecke auf einem schmalen, aber leichtem Weg sanft bergauf. Auf beiden Seiten stiegen die Felswände auf und formten eine spektakuläre Landschaft. Im weiteren Verlauf gehen wir durch ein ausgetrocknetes Flussbett und erleben eine ganz besondere Stimmung. Alle gehen in ihrem eigenen Tempo und es wird kaum gesprochen. Die Sonne knallt, man hört nur das Aufsetzten der Stöcke und die Schritte auf den Steinen. An der Malga Travenanzas bietet ein Brunnen für die Läufer*innen etwas Erfrischung. Nach einer kurzen Rast geht es weiter durch das Tal und gewinnt auf etwa 11 Kilometer 1000 Höhenmeter. Kurz vor dem Talende wird es wieder steiler und felsiger. Entsprechend anstrengend ist es und kurze Pausen werden eingelegt.

Auf rund 2300 Meter wird der höchste Punkt erreicht und auf der anderen Seite zeichnet sich bereits der weitere Streckenverlauf ab: In Serpentinen geht es wieder bergab. Gepaart mit einem traumhaften Blick auf die Gipfel der Dolomiten laufen wir auf einem Fahrweg der nächsten Versorgung entgegen. Wir passieren einen Tunnel aus dem ersten Weltkrieg und dummerweise geht es noch nicht direkt zur nächsten Versorgung, sondern erst noch quer zum 2559 Meter hohem Col de Bos entlang, wobei es immer wieder etwas bergauf geht. Die Anstiege sind zwar nicht anspruchsvoll, aber nach der verstrichenen Zeit eher zum Gehen.

Im Tal sieht man bereits die Versorgungsstation am Rifugio Col Gallina, es wird lauter und man hört, wie die Läufer*innen empfangen werden. Bis dorthin müssen wir aber erst noch ins Tal laufen und dürfen uns dann auf die erste Versorgung mit Essen seit 20 Kilometer freuen. Für mich ist die Speisenauswahl nicht optimal, wodurch ich zu wenig esse, was sich später als Fehler herausstellte. Aber die Pause tut gut. Auf der Wiese liegen, trinken und die Beine etwas zur Ruhe kommen lassen. Die Uhr zeigt inzwischen knapp 57 km mit etwa 3600 Hm an und seit dem Start bin ich 11:44 Std. unterwegs.

Zum Rifugio Averau

Es zeigen sich Ermüdungserscheinungen, aber nach der Pause folgt ein entspannter, flacher Abschnitt, so dass ich wieder in meinen Laufrhythmus finde. Das entspannte Laufen war nur von kurzer Dauer, denn bereits nach einem Kilometer folgte ein weiterer großer Anstieg mit etwa 450 Hm auf 3 Kilometer. Anfangs liefen wir durch ein Waldstück, das wir aber bald verließen und wieder felsiges Gelände folgte. Es öffnete sich der Blick auf die Cinque Torri und dem Rifugio Scoiattoli auf 2255 Meter. Dieses sahen wir nur aus der Ferne, für uns ging es weiter parallel zum Lift bergauf. Puh, es war anstrengend! Schön langsam wurde es auch kühler, die Sonne stand tiefer und warf bereits lange Schatten.

Bei km 61 ist der höchste Punkt der Strecke erreicht. Auf 2419 Meter erreichen wir das Rifugio Averau mit einer weiteren Getränkestation. Es gibt warmen Tee, der guttut! Hier oben wird es kühler, der Wind ist unangenehm und ich ziehe ein Langarmshirt an.

12:52 Std. zeigt die Uhr inzwischen. Für die knapp 5 km seit der letzten Versorgungsstation war ich etwa 1:08 Std. unterwegs. Irgendwie bin ich ganz schön KO, freue mich aber auch, dass der letzte große Anstieg und inzwischen über 4000 Höhenmeter geschafft sind und es nun nur noch weniger als 20 km bis ins Ziel sind. Aber es wird immer anstrengender…

In die Dämmerung laufen

Auf der anderen Seite geht es erst einmal wieder bergab, wobei das Laufen auf dem losen Schotter nicht einfach ist und die volle Konzentration fordert. Aber es ist schön, wie sich die langen Schatten über die Wiesen legen. Wir zweigen auf einen schmalen Weg ab und in einem ständigen Auf-und-Ab führt uns die Route am 2574 Meter hohen Nuvolau, am 2450 Meter hohen Torre Anna und am 2595 Meter hohen Ra Gusela vorbei.

Am Passo di Giau wird auf 2236 die nächste Versorgungsstation erreicht, an der es auch wieder Essen gibt. Eigentlich ist es hier traumhaft schön, aber die Kräfte schwinden, um diese Schönheit wirklich genießen zu können. Ich denke mir, es wird Zeit, ins Ziel zu kommen. Nach einer kurzen Rast geht es weiter in die Abenddämmerung. Glücklicherweise laufen wir noch auf der sonnigen Seite der Berge.

Vom Pass aus passieren wir den 2229 Meter hohen Forcella di Zonia und den 2239 Meter hohen Forcella de Col Piombin bevor uns nochmals ein extrem steiler Anstieg zum 2370 Meter hohen Forcella di Giau erwartet. Diese etwa 200 Hm auf 1,5 km kosten viel Kraft!

Die Sonne sinkt immer weiter und nach überqueren des Kamms wird es Zeit für die Stirnlampen. Auf den schmalen Pfaden wird es zu gefährlich, wenn nicht mehr alle Unebenheiten erkannt werden.

Dem Ziel entgegen

Wir laufen über einen schmalen Wiesenpfad. Anfangs führt die Strecke steiler bergab, wird flacher und geht in einen Fahrweg über. Im Tal sieht man bereits die Lichter von Cortina leuchten. Das Ziel ist in Sicht! Dabei gibt es nur einen Haken. Es sind noch etwa 13 km auf denen es etwa 1000 Hm auf steilen Wegen bergab geht. Selbst auf dem etwas flacheren Abschnitten ist an Laufen nicht mehr zu denken. Ich habe keine Kraft mehr und mache einen Schritt nach dem Anderen, um den Lichtern im Tal näher zu kommen. Dabei werde ich immer wieder von anderen Läufer*innen überholt, aber auch das ist mir inzwischen egal.

An der Versorgung Croda da Lago, 10 km vor dem Zielort Cortina ist für mich das Rennen beendet. Es geht nicht mehr, ich fühle mich einfach nur verbraucht, der Magen zickt und der Sani lässt mich nicht mehr weiterlaufen. Ich versuche, dass ich eine längere Pause aushandle, aber ohne Erfolg. Ob es danach wieder gegangen wäre, weiß ich natürlich nicht. Aber nachdem ein Geländewagen der Bergrettung zwei andere Läufer abholt, muss ich auch mitfahren. Auf einem ziemlich holprigen Weg fahren wir mit gefühlt 10 km/h den steilen Berg Richtung Cortina abwärts. OK, das wäre auf schmalen Pfaden kein Spaß mehr geworden. Wahrscheinlich war es die richtige Entscheidung, aber sie ist schwer zu akzeptieren. In Cortina ging es erst einmal ins Sanizelt und ich wurde untersucht. Nach etwa einer halben Stunde durfte ich wieder losgehen und wollte meinen Kumpel im Ziel empfangen. Bis zum Croda da Lago waren wir gemeinsam unterwegs und nun finishte er alleine das Rennen.

Im Ziel gab es für uns noch Bier und Pizza. Danach fühlte es sich wieder besser an und wir machten uns auf den Weg zum Shuttlebus, der uns nach St. Vigil brachte.

Was soll ich sagen: Es ist immer noch sehr ärgerlich, das Rennen nicht beendet zu haben. Man muss sich aber eingestehen, dass niemand etwas davon hat, wenn man wg. fehlender Kräfte in der Dunkelheit stürzt und sich verletzt. Es ist aber trotzdem sehr schwer und besonders ärgert es mich, dass ich die Finisher Jacke nicht erhalten habe!

Nun habe ich mit dem Lavaredo Ultra eine Rechnung offen. Ich werde wiederkommen und nochmals starten. Ich will diesen Lauf finishen. Vielleicht laufe ich dann nur die 48 Kilometer oder vielleicht führt die 80 km Strecke dann wieder an den Drei Zinnen vorbei und ich entscheide mich für diese dann wieder. Man wird sehen…

2 Comments

  1. Was für ein schöner Bericht und die Bilder, echt toll. Ich finde die Leistung einfach beeindruckend, egal wie weit die Reise ging, obgleich ich die Gedanken als Sportler nachvollziehen kann. Nach dem Lauf, ist vor dem Lauf … ganz liebe Grüße

    • running.bernd

      Danke Dir! Freut mich, dass dir der Bericht gefällt. Inzwischen bin ich etwas drüber hinweg und freue mich auf einen neuen Anlauf. Ob dieser nächstes Jahr ist, wird sich noch zeigen…
      LG, Bernd

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